Fliegen lernen

Dem Himmel so nah..

"Sie starten und fliegen bis zu den Türmen!", Elisabeth-Juliane Herrmann flog eine Cessna C-150 von Heist bis zur Hetlinger Schanze - Erlebnisbericht

Seit Tagen schon ist der Himmel über der Haseldorfer Marsch strahlend blau. Das ideale Wetter für einen Fotoflug!. Ich fahre zum Flugplatz Heist bei Uetersen. Hier bietet die "Air Hamburg" eine individuellen Flugservice an (Flüge kann man über das Elbmarschenhaus buchen), hier ist auch die Flugschule Hamburg, die Piloten ausbildet. Im Büro telefoniert Fluglehrer Atilay Altin gerade gleichzeitig über Festnetz und Handy, teilt Piloten und Flugschüler ein, spricht mit Passagieren, organisiert und macht nebenbei Maschinen startklar. Ich frage ihn nach einem Fotoflug. Ja das geht sicher, wann? Ich schaue aus dem Fenster - keine Wolke am Himmel, Traumwetter. "Heute abend - oder.." ich traue mich fast nicht zu fragen: "jetzt??" Was ich nicht zu hoffen wagte, der Fluglehrer fliegt mich gleich selbst.

Hetlinger Schanze

Die Strommasten an der Hetlinger Schanze aus der Luft betrachtet

"Wir nehmen die Kilo Romeo da hinten!" Die "Kilo Romeo"? Ich schaue aus dem Fenster auf das Flugfeld. Dort steht eine kleine zweisitzige Cessna C-150 mit der Kennung D-ETKR. Das muß sie sein. Die Tragflächen befinden sich über der Kabine, sie ist also ein Hochdecker, das erlaubt eine ausgezeichnete Bodensicht, ideal für Fotoflüge!

Wir schauen auf eine Karte und ich erkläre, wo ich hinfliegen möchte: Zu den Strommasten an der Hetlinger Schanze, Blick auf die Carl-Zeiss Vogelbeobachtungsstation, dann über die Elbe elbabwärts bis zum Pinnausperrwerk und dann wieder zurück zum Flugplatz Heist. OK, kein Problem. Halbe Stunde Flugzeit. Ich erzähle dem Fluglehrer, dass ich am Computer am Flugsimulator gern mal mit einer Cessna eine virtuelle Runde drehe. Er lacht und sagt: "Wenn Sie möchten, können SIE ja starten und bis zu den Türmen selbst fliegen!" Starten?? ICH?? Selbst fliegen bis zu den Türmen?? Altin beruhigt mich: "Ich bin ja dabei, ich erkläre Ihnen alles ganz genau und wenn Sie was falsch machen, kann ich sofort eingreifen!" "OK" sage ich nach kurzer Überlegung. Also los.

Erst wird die Cessna vom Fluglehrer eigenhändig betankt, dann bei der Vorflugkontrolle gründlich inspiziert und alle beweglichen Teile sowie die Reifen angesehen und durchgecheckt. Dann holt er für sich und mich ein Headset (Kopfhörer mit Mikrofon) und winkt mir, Einsteigen. Die Kamera um den Hals, die Fototasche hinter die beiden Sitze gestellt, in die enge kleine Maschine geklettert. Ich sitze links, der Fluglehrer rechts. Angeschnallt. Kopfhörer auf. Mikrofone dicht an den Mund. Jetzt unterhalten wir uns über die Headsets.. Fluglehrer Altin spricht über Funk mit dem Tower, löst dann die Parkbremse, erklärt mir, die Maschine wird am Boden mit den Füßen gesteuert. Mit den Füßen? Ja, Füße auf die Steuerungspedale, rechter Fuß ist rechts rum, linker Fuß ist links rum. Gas geben - mit dem Schubregler. Wir rollen, jetzt muß ich mit den Füßen steuern. Meine Güte, das ist ja gar nicht so leicht! Die Pedale sind recht schwergängig. Ich trete zaghaft - nichts passiert. Ich trete kräftig rechts, die Cessna rollt eine kleine Rechtskurve. Trete links, Linkskurve. Und der Untergrund ist natürlich nicht so eben und glatt wie im Flugsimulator, nein wir hoppeln in ziemlichen Schlangenlinien am Flugplatzgebäude und am Tower vorbei. Da lachen sicher alle: "erste Flugstunde!". Fluglehrer Altin hat zum Glück alle Instrumente auf seiner Seite noch einmal. So kann er die peinlichsten Schlangenlinien etwas begradigen. Trotzdem bin ich froh, als wir den Rollhalt erreicht haben.

Atilay Altin fragt mich noch mal, ob ich wirklich selbst starten und fliegen möchte, jetzt kann ich immer noch Nein sagen. Doch, ich will. OK. Er erklärt mir ausführlich, wie ich mit Steuerhorn (das ist sozusagen das Lenkrad eines Flugzeugs) und Schubregler umgehen muß. Alle Bewegungen für das Flugzeug müssen sacht geschehen, nicht ruckartig. "Die Cessna ist ein Mädchen, damit muß man sanft umgehen!" Ruckartige Bewegungen nach vorn mit dem Steuerhorn und die Nase vom Flugzeug geht runter und man überschlägt sich. Verstanden. Pilot Altin checkt kurz vor dem Start noch einmal Zündspulen, Kraftstoffgehalt und Trimmung, dann meldet er dem Tower "abflugbereit". Wir drehen uns in den Wind. Halten noch einmal kurz an. Ich soll mit dem Schubregler Vollgas geben und soll die Maschine auf ca. 70 Knoten bringen (130 km). Ok. Das Steuern mit dem Steuerhorn wird erklärt. Wenn die Maschine abgehoben hat, dann soll ich das Steuerhorn nicht mehr bewegen. Gut. Los geht's.

Schubregler reingedrückt - Vollgas. Die Cessna setzt sich in Bewegung, wird immer schneller, der Motor wird laut, ein gutes Gefühl, als wenn man im Auto am Beginn einer leeren Autobahn Vollgas gibt - nur dass die Cessna noch heftiger beschleunigt. Leichter Zug am Steuerhorn zu mir hin, die Cessna C-150 hebt ab, arbeitet sich hoch in die Luft, das Flughafengebäude liegt jetzt schon deutlich links unter uns. Jetzt soll ich das Steuerhorn nicht mehr bewegen. Ich sehe, dass wir im Steigflug nicht zu steil starten, alles im grünen Bereich. Fluglehrer Altin bedeutet mir, dass ich eine Kurve Richtung Süden fliegen soll. Die Cessna reagiert auf jeden kleinsten Fingerdruck. Wir fliegen gezielt so, dass wir in der Startphase aus Lärmschutzgründen einen genau festgelegten Korridor einhalten, fliegen über freiem Feld Richtung Elbe.

Die Cessna ist immer noch im Steigflug hinauf auf 2000 Fuß. Fluglehrer Altin sitzt neben mir, ganz konzentriert. Bereit zum Eingreifen. Ich bemühe mich, ruhigen Kurs zu halten. Durch das Cockpitfenster sehe ich nur den blauen Himmel, aber wenn ich aus den Seitenfenstern schaue, kann ich Land sehen. Jetzt soll ich die Nase vom Flugzeug mal runterdrücken. Runter? Ich schiebe das Steuerhorn ganz behutsam nach vorn. Die Cessna reagiert sofort. Jetzt sehe ich die Strommasten von Hetlingen vor mir. Nicht zu tief gehen, ich will die Masten ja nicht rammen, also wieder hoch mit der Nase des Flugzeugs. Fluglehrer Altin sagt, er schreibt jetzt mal kurz was in eine Liste. Nun bin ich für ganz kurze Zeit mir selbst überlassen. Jetzt habe ICH die Verantwortung - für 2 Menschen und das Flugzeug. Wenn ich jetzt Unfug mache, kann das schlimm enden.. Das ist kein Spaß mehr, das ist Ernst! Ich werfe einen vorsichtigen Blick nach links aus dem Seitenfenster - wir nähern uns schon der Elbe. Ruhiges Fliegen, keine Luftlöcher, ideale Sicht. Aber ich habe jetzt Herzklopfen. Pilot Altin neben mir hat rasch die Liste ausgefüllt und übernimmt die Maschine. Ich atme tief durch und sage mir, in Wirklichkeit hatte der Fluglehrer die Verantwortung für das Flugzeug natürlich nicht eine Sekunde lang abgegeben, aber sehr angespannt war ich schon!

Ich greife zur Kamera. Das Seitenfenster der Cessna lässt sich leicht öffnen. Aber vorsichtig, damit es nicht nach oben knallt. Herrlich kühle Luft strömt herein. Unter uns der Elbstrom, ein Containerschiff fährt elbabwärts, grüne Wiesen, Deiche, Wasserläufe, Dörfer und einsame Höfe im Vordeichgebiet. Ich fotografiere aus dem offenen Fenster heraus mit der digitalen Spiegelreflexkamera Fuji S2pro und einem Nikon 24-120 mm Objektiv das Naturschutzgebiet Haseldorfer Binnenelbe mit Elbvorland, den Elbstrom, Dörfer, Wiesen und Felder, das Pinnausperrwerk und einen kleinen Teil der Seestermüher Marsch. Dann biegen wir ab - zurück geht es dem Verlauf des Pinnau-Flusses folgend an Uetersen vorbei.

Der Schub der Cessna wird zurückgenommen, sie neigt die Nase nach vorn. Der Flugplatz Heist wird sichtbar. Wir schweben auf einer genau vorgeschriebenen Anflugkurve ein. Pilot Altin beobachtet hochkonzentriert die Landebahn und den Himmel über dem Flugplatz. Über uns hat er ein anderes Flugzeug entdeckt, eine Boing, die nach Fuhlsbüttel fliegt. Kein Problem, die ist weit entfernt. Nun müssen wir aber landen, er drückt die Nase der Cessna nach unten und richtet das Flugzeug kurz vor dem Aufsetzen wieder leicht nach oben aus, so daß die Räder in Idealposition zur Landepiste aufsetzen. Weiche Landung, Bremsen, die Cessna verlässt die Landebahn, hoppelt über die Wiese zum Flugplatzgebäude.

Fluglehrer Altin erklärt mir, was ich alles falsch gemacht habe. Das tatsächliche Fliegen mit einem Flugzeug ist doch meilenweit vom virtuellen Fliegen mit dem Flugsimulator entfernt. Das Gefühl beim Hoppeln über die Piste, das in die Sitze gepresst werden beim Beschleunigen am Start, die Perspektive aus dem Flugzeug heraus bei der Landung, das kann ein herkömmlicher kleiner Flugsimulator für Computer-Hobbyflieger noch nicht leisten.

Ich zahle (es war gar nicht so teuer) und verabschiede mich - es wird nicht mein letzter Flug sein. Da bin ich ganz sicher!