Dichterprinz Emil von Schoenaich-Carolath-Schilden

Sie finden das Grab an der Südseite der Kirche hinter einem Rhododendronbusch.

Prinz Emil von Schoenaich-Carolath-Schilden, geboren am 08. April 1852 in Breslau, gestorben am 30. April 1908 in Haseldorf, war Gutsherr und gleichzeitig ein anerkannter Dichter. Er übernahm nach seiner Eheschließung mit Baronesse Katharina von Knorring das Gut Haseldorf. Aus der glücklichen Ehe gingen sechs Kinder hervor. Der Prinz pflegte Freundschaften und künstlerischen Austausch mit allen bedeutenden Dichtern seiner Zeit wie Rainer Maria Rilke, Detlev v. Liliencron, Otto Ernst, Gustav Falke, Richard Dehmel und Gustav Frenssen. Rainer Maria Rilke verbrachte 1902 mehrere Wochen im Schloss Haseldorf und genoss die Gastfreundschaft des Prinzen. Nachfolgend finden Sie sechs Gedichte des Prinzen.

Bitte

Wenn einst das Kirchlein offen steht
Im Lindengrün im Maienstrahl,
Wenn über Dich hinbrausend geht
Sieghaft der Orgel Schlußchoral,

Wenn Dir vereint auf ewig ward
Der Mann, des Liebe Dich beglückt,
Wenn alle Dich, nach frommer Art,
Gesegnet und ans Herz gedrückt,

Dann schreite still vom Gotteshaus
Zum Friedhof hin - weit ist es nicht -
Und leg aufs Grab mir einen Strauß
Vergißmeinnicht.

Gedicht aus "Fern ragt ein Land.." Dichtungen des Prinzen Emil von Schoenaich-Carolath, Göschen´sche Verlagshandlung Leipzig 1910


Vergissmeinnicht blühen am Grab des Prinzen

VERBLÜHTER FRÜHLING

Es ist ein trüber Junitag
Der Nebel rinnt durch feuchtes Grün
Der Pirol singt mit süßem Schlag
Und taubeschwert die Rosen blühn.

Tief in des Parkes Blätternacht
Ein Rauschen schläft, ein trüber Schall
Als würd´ein Glück zu Grab gebracht
Bei leisem Frühlingsregenfall.

Noch träumt verschollen in der Luft
Ein Lachen, das im Park verstob
Noch schwimmt im jungen Grün der Duft,
Der einst ihr blondes Haar umwob.

Sie selbst zog längst die Silberspur
Dorthin wo keiner bangt noch irrt -
Jetzt schläft der Park, ein Windstoß nur
Die tropfenschweren Bäume wirrt.

Und leise strebt in heil´ger Ruh
Vom Lenz, des Blütentraum zerbrach
Mein Herz der großen Heimat zu,
Ewig geliebtes Lieb, Dir nach.

Aus dem Band "Dichtungen" von Prinz Emil von Schoenaich-Carolath-Schilden
Leipzig, Göschensche Verlagshandlung, 1898

Prinz Emil an seinem Schreibtisch

Das Gemälde an der Wand stellt ihn mit seiner Mutter dar.

DIE KORNERNTE

Vorn im Sonnenbrand
Hasten braune Schnitter,
Überm Ernteland
Türmt sich fernes Hochgewitter.

Durch die Wolkenränder
Donner schüttert leis,
Und ein Windstoß heiß
Wirrt des Erntekranzes Bänder.

Geißeln flicht die Nacht
Grell, in Schwefelfarben.
Sorg nicht! Heimgebracht
Sind gar bald die letzten Garben.

Sei´s durch sanften Hauch,
Sei´s durch Blitzesfeuer,
Führ dereinst mich auch,
Herr in deine Scheuer.

Aus den Gesammelten Werken von Prinz Emil von Schoenaich-Carolath, 3. Band "Gedichte", Göschen´sche Verlagshandlung, Leipzig 1907.


TROST

Das Trauern gib auf
Um verfehlten, verlorenen Lebenslauf,
Es bleibt kein Suchen vergebens.
Dereinst kommt Kraft;
Das Wollen schafft
Vollendung ewigen Lebens.

Was sehnend erdacht,
Ob nie vollbracht,
Nicht sinkt es zum Unerfüllten.
Im Marmorblock
Schläft das Sonnengelock
Der Schönheit, der sacht verhüllten.

Ein Meißelschlag,
Ein durchfieberter Tag
Kann deinen Tempel bauen.
Der Nebel weicht,
Noch heut` vielleicht
Wirst Gott du schauen.

Aus den Gesammelten Werken von Prinz Emil von Schoenaich-Carolath, 3. Band "Gedichte", Göschen´sche Verlagshandlung, Leipzig 1907.

BRAUSENDER LENZWIND

Aus Süden braust der Wind heran,
Läßt Schnee, läßt Schollen tauen,
Es wellt der See, die Saat hub an
Zartgrün zum Licht zu schauen.
Kosewind, der vom Werden spricht,
Tosewind, der auf Erden bricht
Dunkles Eis im Gemüte,
Lege zu Grabe, was morsch, was still,
Segne, was leben, was rauschen will,
Fülle den kümmernden Herzensschrein
Tief mit Schönheit, mit Sonnenschein,
Streif uns, die Pflüger im Arbeitstag,
Mit der Ewigkeit Fittichschlag,
Künde: des Wollens Kummersaat
Wächst durch Glauben zur Kraft, zur Tat,
Herz, weil du bangst, Herz, weil du weinst,
Wirst du jubelnd schauen dereinst
Lenze voll ewiger Blüte.

Aus dem Band "Fern ragt ein Land.. Eine Auswahl aus den Dichtungen des Prinzen Emil von Schoenaich-Carolath", Göschen´sche Verlagshandlung in Leipzig 1907.

WEIHNACHTSLÄUTEN

Über dem Brausen der großen Stadt
Schwingen die Glocken voll und matt,
Hier mit dröhnendem dumpfen Schlagen,
Dort vom Winde verwirrt, vertragen;

Über Giebel und Gassen fern
Rufen die Klänge: Lobt Gott den Herrn.
Flute herab von Dach und Turm,
Heilige Weihnacht, im Gebersturm.

Treuer Arbeit gib allerwegen
Trotziges Trauen auf Gottes Segen;
Wolle des Lebens häßlichste Lücken,
Willkür und Selbstsucht, mild überbrücken.

Männer gib uns und Wahrheitszeugen,
Die vor Gott nur den Nacken beugen.
Gib den Kanzelherr´n zumeist
Kurze Predigt voll Frühlingsgeist,

Gib den Herzen der Hörer ringsum
Tätiges Evangelium.
Durch Gefängnis und Krankenräume
Trage silberne Lichterbäume,

Zünde dem ärmsten, verlorensten Mann
Helle Hoffnungszeichen an;
Gib uns das höchste Weihnachtsglück,
Gib unserem Volke den Glauben zurück.

Über Giebel und Gassen fern
Läutet ihr Glocken: Lobt Gott den Herrn;
Über den Dächern tief verschneit
Läutet dem Leben zur Ewigkeit.

Aus den Gesammelten Werken von Prinz Emil von Schoenaich-Carolath, 3. Band "Gedichte", Göschen´sche Verlagshandlung, Leipzig 1907.